Von Marcus, Benni und der weiten Welt

28Sep/110

Tuerkei – Iran 2011

Benni, in Mashhad / Eastern Iran, Sept. 2011

Auferweckung

Da ich beschlossen hatte, dass sich fuer die diesmalige Reise von der Tuerkei bis in den Iran und zurueck das Schreiben eines Blogs nicht lohnt, gab es einen solchen bisher auch nicht.

Doch ich habe mich entschlossen, zumindest ein paar Eindruecke, Notizen und Informationen hier im Netz zu konservieren – moegen sie irgendjemanden nuetzen, unterhalten oder auch nicht.

Im Folgenden also kein exakter Reisebericht, sondern lediglich einige Impressionen und Beobachtungen aus besagten Laendern waehrend Arezous und meiner Reise in September / Oktober 2011. Hier wird kein Anspruch auf Struktur oder Sinnhaftigkeit gelegt – es soll nicht mehr als eine lose Gedankensammlung sein.

ISTANBUL

Der zweite Aufenthalt in dieser interkontinentalen Metropole sollte mich diese mit schaerferen Blick erfassen lassen. Mit allen Sinnen bemuehte ich mich, die geschichtstraechtige Stadt am Bosporus nicht nur wahrzunehmen, sondern sie auch in ihrem Facettenreichtum aufzugliedern. Das dies in lediglich fuenf Tagen nur sehr beschraenkt moeglich ist, kann nicht geleugnet werden.

Dennoch war in nahezu  jedem Moment der krasse Kontrast zwischen Geschichte und Gegenwart – Tradition und Moderne zu spueren.

Fast befremdlich ragen die liebevoll verzierten Minarette der eindrucksvollen Moscheen ueber die mit Satellitenschuesseln uebersaehten Flachdaecher der maroden Mietsbaracken hinweg, waehrend sich dieses Spiel in der  Ferne in groesserem Stil vollzieht: Dort, wo die Skyline des historischen Zentrums mit den vielen Tuermen der Hagia Sophia, der gewaltigen Kuppel der Sultan Ahmed Moschee und dem weiten Raum des Topkapi Palasts lediglich durch etwas Dunst und Moewengeschrei von den glaesernen Tuermen der Nobelhotels, und Cooperative Headquarters einer aufstrebenden Tuerkei, die hier ihr Epizentrum hat, getrennt werden.

Dazwischen und ueberall drum herum findet das Leben unbeeindruckt davon, in den vielen mehr oder weniger steilen, doch stets engen und lebendigen Gassen statt. Die alten Maenner, mit Gesicht und Augen, in denen sich die ganze Haerte und Weite Anatoliens widerspiegelt und einem Laecheln, das die gesamte Herzlichkeit desselben Landes ausstrahlt, Frauen, mit bunt gebluemten Kopftuechern, die in aufgeregter Unterhaltung vor Obst- und Gemuesestaenden entlang spazieren,auf denen die reifen Wassermelonen so hoch wie irgendmoeglich getuermt liegen.

Brennt noch in einem Moment die Sonne gnadenlos herab, waehrend man sich schwitzend durch die Menschenmassen auf staubigen Gehwegen vorarbeitet, stets begleitet vom hektischen Gehupe des Verkehr gennanten Chaoses auf der Strasse, reicht ein einziger Schwenk und vor einem eroeffnet sich das tiefe Blau des Bosporus. Mit Betreten der Faehre wird die Stadt eine andere. Staub und Hitze weichen frischer Seeluft und der Gischt am Bug zerschellender Wellen, das nervoese Gehupe dem majestaetischen Hoernern der Schiffe und die Enge und das Gedraenge dem erhabenen Gefuehl von Freiheit auf der Fahrt von Europa nach Asien.

Fruehstueck bei Emin

Fruehstueck bei Emin

Hagia Sophia

Hagia Sophia

Noch einmal

Noch einmal

Auf dem Bosporus

Auf dem Bosporus

Abendstimmung

Abendstimmung

Marktstimmung

Marktstimmung

Trubel am Ufer

Trubel am Ufer

Blick von Asien nach Europa

Blick von Asien nach Europa

TUERKISCHE  ZUEGE

Abgesehen von der krassen, aber eigentlich relativ berechenbaren Unpuenktlichkeit und einigen anderen Unannehmlichkeiten, sind Zuege ein wundervolles Reisemittel in der Tuerkei.

Die Preise sind wirklich vertraeglich, es gibt verschiedene Moeglichkeiten einen Discount zu bekommen und selbst der Aufpreis zu einer Couchette Schlafnische ist aufzubringen. Eben diese bedeutet insbesondere auf laengeren Strecken einen erheblichen Gewinn an Bequemlichkeit. Sollte man einen normalen Sitz gebucht haben, kann die Fahrt am Tag von Vorteil sein, auch wenn gemeinhin eine Uebernachtfahrt als erste Wahl gilt, da man (Tages-)Zeit und Uebernachtungsgeld spart. Denn eigentlich ist es ein schweres Vergehen, die erhabene, monotone Weite Anatoliens im Dunkeln an sich vorbeiziehen zu lassen. Doch auch die recht unangenehme Schlafsituation im Sitzabteil, gekennzeichnet durch viel Laerm, Bewegung, haeufige Ticketkontrollen und Dauerbeleuchtung, kann fuer Reisende mit empfindlichen und leichten Schlaf ein guter Grund fuer die Fahrt am Tage sein.

Die groessten Beschwerlichkeiten stellen jedoch die generellen Unzuverlaessigkeiten des Betriebs da, die ueber die gewohnten Unpuenktlichkeiten hinaus gehen. So kann es sehr gut sein, dass ein ganzer Streckenabschnitt zeitweise komplett gesperrt ist oder ein Fahrkarte im Voraus nicht erhaeltlich ist, weil der zustaendige Beamte krank oder das System ausgefallen ist. So wird man nur all zu schnell auf “irgendwann morgen” vertroestet, was natuerlich so manche Reiseplanung erheblich erschwert.

Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Kommunikation mit dem Bahnpersonal. Umso weiter es gen Osten geht, desto eher ist es ein Ding der Unmoeglichkeit Beamte mit Englischkenntnissen aufzutreiben. Erstaunlicherweise kann ein Gleiches jedoch selbst in Istanbul ohne Probleme widerfahren! Doch nur all zu haeufig wird in solchen Situationen an Provinzbahnhoefen das gesamte (erstaunlich zahlreiche fuer 2 – 3 Zuege pro Tag) Bahnpersonal mobilisiert und der Ticketkauf in persoenlicher Atmosphaere bei ein, zwei oder drei Glaesern Tee vollzogen. Auch wenn nicht immer das gewuenschte Ticket am Ende herauskommt, kann man zumindest auf eine gute Zeit zurueckblicken!

Allen diesen Argumenten zum Trotz, halte ich die Reise mit der tuerkischen Eisenbahn TCDD fuer den besten Kompromiss zum Ueberwinden wirklich grosser Distanzen. Sie ist billiger und so viel romantischer als Fahrten mit den modernen Reisebussen, aber weniger strapazioes, sicherer und zumindest etwas planbarer als Trampen ueber lange Distanzen.

Und wenn man erstmal mit freundlichen tuerkischen Familien im klapprigen Wagon sitzt, Essen teilt, seinen Kopf zuruecklehnt und sich der rote Sonnenball sanft in die gelb-braune Steppe hinabsenkt, kann man nicht anders, als alles hinter sich zu lassen, zu traeumen und zu reisen, wie es frueher schon so war.

Durch die Steppe Anatoliens

Durch die Steppe Anatoliens

Endlose Weiten

Endlose Weiten

Verstreutes Leben

Verstreutes Leben

Kappadokien

Selten habe ich eine Region erlebt, die sich trotz ihrer unangefochtenen touristischen Vormachtstellung in einem Radius von knapp 1000 Kilometer in so manche Richtung so viel ihres natuerlichen Charmes und Magie erhalten konnte, wie Kappadokien. Es muss daran liegen, dass Charme und Magie schlicht zu gross sind, um gebrochen zu warden.

Auch wenn das zu hoch gegriffen sein mag, bleibt es Fakt, dass selbst im Herzen dieser Landschaft um Goereme und Uchisar herum so viel Moeglichkeit zur relative Isolation und zum eigenstaendigen Erleben bleibt, dass man “sein” Kappadokien in angebrachter Distanz zu den Busladungen von Tagestouris aus Antalya, Alanya etc. finden wird.

Dieses offenbart sich in der brutalen Schoenheit und Befremdlichkeit der Natur, der bisher erhaltenen Beschaulichkeit auch der touristischeren Oertchen, aber nicht zuletzt auch darin, dass die meisten Einheimischen nichts von ihrer warmherzigen und gastfreundlichen Mentaitaet geopfert haben. Wie oft wird man beispielsweise in Alanya zur kostenlosen Uebernachtung in einem der Gaestezimmer eines gemuetlichen Cafes eingeladen? Oder von einem Motorradverleiher zu frischen Wallnuessen eingeladen und ein Motorroller gratis fuer einen kurzen Einkauf zur Verfuegung gestellt?

Sicherlich haengen aber auch hier die gemachten Erfahrungen mit dem eigenen Auftreten zusammen. Unsere illustre Reisegruppe mit Rucksack und Kind (Malin, 5 Jahre) wurde bestimmt anders wahrgenommen als die dauerfotografierenden wandelnden Modeboutiquen, die aus klimatisierten Luxusvans ausschwaermen.

In den vollen Genuss  der landschaftlichen Schoenheit kommt man am besten, indem man sich wandernd durch die zahlreichen Canyons bewegt, von denen jeder sein ganz eigenes Flair besitzt. Hervorzuheben sind hier das White Valley, welches von dem alten Festungsort Uchisar bis Cavusin reicht und durch seine schlichte Schoenheit, interessante Hoehlensysteme und ein beeindruckendes Finale aus riesigen Feenkaminen beeindruckt. Weiterhin laedt das gesamte Gebiet oestlich vom gemuetlichen Doerfchen Cavusin zum Entdecken spektakulaerer Canyons wie dem Red Valley oder dem Love Valley ein. Hier sind insbsondere die Pfade auf den Kaemmen des Canyon-Labyrinths den steilen Aufstieg wert, der durch wundervolle Panoramen ueber die unwirkliche Landschaft belohnt wird.

Anfang September ist es ein besonderes Vergnuegen, die ueberall reifenden Trauben, Aepfel, Birnen, Pflaumen und Beeren zu ernten und auch die Temperaturen halten sich im guten Gleichgewicht von ca. 30 Grad am Tage bis um die 10 Grad nachts.

Die Eindruecke, die sich jedoch fuer immer in die Seele eines jeden Reisenden einbrennen und zum Synonym fuer die Region avancieren, sind die brillianten Sonnenaufgaenge, welche die bizzare Mondlandschaft in faszinierende, weiche Farbtoene tauchen, begleitet vom majestaetischen Emporgleiten unzaehliger Heissluftballons, die schon bald hinter den unzaehligen Felsspitzen verschwinden.

Eine Gefahr mag vielleicht bestehen. Naemlich die, dass sich nach einigen Tagen des Wanderns ein „schoener-faszinierender-bizzarer“-Rausch einstellt, den auch diese Landschaft, welche ihre eigene Messlatte von der ersten Sekunden an so extrem hoch legt, irgendwann nicht mehr befriedigen kann. So ist es vielleicht am besten, diese intensive und fesselnde Droge in kleinen Portionen einzunehmen und streng zu dosieren, um jegliches Abstumpfen zu vermeiden – denn in Kappadokien waere es viel zu schade, wenn nicht alle Sinne aufs Aeusserste geschaerft sind, um alles in sich aufzusaugen!

Erster Morgen, frueher Besuch

Erster Morgen, frueher Besuch

Fruehstueck

Fruehstueck

Uchisar mit alter Bergfestung

Uchisar mit alter Bergfestung

White Valley, Finale

White Valley, Finale

Sternenreiche Nacht in voelliger Stille

Sternenreiche Nacht in voelliger Stille

Fantastisches Erwachen

Fantastisches Erwachen

Archaische Rituale

Archaische Rituale

Mittagshitze, nahe Cavusin

Mittagshitze, nahe Cavusin

Bizarr

Bizarr

Zur freien Verfuegung

Zur freien Verfuegung

Am Abend, muede am Feuer

Am Abend, muede am Feuer

ziemlich knapp...

ziemlich knapp...

VAN

Das rauhe Juwel Ostanatoliens! Vielen mag es schwer fallen, hier Liebe auf dem ersten Blick zu empfinden, doch wenn man innehaelt und sich offen zeigt, ist es der zweite Blick, der die orientalische und vielfaeltige Coleur der Stadt freilegt. Die Landschaft ist eine besondere. Das wird schon auf der Fahrt von Tatvan am Westufer des riesigen Van Sees  deutlich, wenn sich die Berge hoch ueber den im Abendlicht schimmernden See erheben, in den kleinen kurdischen Doerfern die Ernte per Wagen und Pferd eingeholt wird, alter Frauen Reisig ueber trockene Pfade tragen und Gruppen staubiger Kinder winkend am Strassenrand hocken, bevor am Horizont das Bergmassiv auftaucht, welches Van den Ruecken deckt. Trampen dauert hier laenger – oft sind die Menschen misstrauischer. Veruebeln kann man es ihnen nicht, Misstrauen ist hier noetig um sich am Leben zu halten und der kontinuierlichen Oppression durch die tuerkische Militaermacht Stand zu halten. Wenn man jedoch in einem Wagen sitzt, ist dies ein Erlebnis. Stolz wird kurdische Musik gespielt, mit Haenden, Fuessen und Gesten kommuniziert,  zum Beten in kleinen Moscheen am Strassenrand gestoppt. Dann geht es weiter die Bergpaesse entlang, ya’allah!    (im Namen Gottes!)

Van selbst ist staubig, hektisch und direkt. Heiss im Sommer, bitterkalt im Winter. Ein Schmelztiegel verschiedener Volksgruppen, die so rauh, aber herzlich wie ihre Umgebung und ihr Leben sind. Es kann wundervoll sein, in die kleinen Seitenstrassen einzubiegen, wo die Maenner zu hunderten und mehr bei Tee und angeregter Unterhaltung auf kleinen Hockern unter bunten Girlanden sitzen,  so die gesamte Gasse unpassierbar machen und in  ein geschaeftiges, einladendes Teehaus verwandeln. Burschen flitzen gekonnt mit Silbertabletts umher, auf denen Teeglaeser schwanken, die geschwind in die umliegenden Kraemerlaeden gebracht werden, damit auch die momentan beschaeftigte Bevoelkerung nicht ohne schwarzen Tee mit viel Zucker leben muss. Fruechte liegen auf Strassenstaenden aus, werden lautstark beworben, hupend arbeiten sich voll beladene Kleinbusse durch die Mengen, die Fahrer bruellen in der Hoffnung auf noch weitere Fahrgaeste das Ziel der Fahrt aus dem Fenster.

Der kroenende Abschluss eines Tages sollte die Besteigung des Van Kalesi bilden. Von dieser in Richtung See vorgelagerten, uralten Befestigung auf einem schmalen Felsruecken aus, reicht die Sicht ueber den ganzen Van See hinweg gen Westen und ueber die Stadt hinweg bis zu den Bergen gen Osten – die letzten Sonnenstrahlen weisen die Richtung ueber die Gipfel hinweg dorthin, wo sich in nicht all zu grosser Entfernung der Iran eroeffnet.

Lebendige Strassen

Lebendige Strassen

Sonnengereift und frisch

Sonnengereift und frisch

Tee... ueberall

Tee... ueberall

Iran zum greifen nah...

Iran zum greifen nah...

Der Van See verabschiedet den Tag im Westen

Der Van See verabschiedet den Tag im Westen

TALESH - Northern Iran

Auch wenn die Region Talesh im gesamten Iran fuer ihr regnerisches und feuchtes Klima, was dort von absolut positiver Wertung ist und die Schoenheit der ueppigen, smaragdgruenen Vegetation beruehmt und beliebt ist, kann man bei seiner eigenen Ankunft nicht anders, als ueberrascht zu reagieren.

Schon wenn man auf dem Kuestenhighway von Astara, direkt an der aserbaidschanischen Grenze gelegen, in Richtung Osten unterwegs ist, fuehlt man sich Indonesien oder Malaysia erheblich naeher, als irgendeiner Region des mittleren Ostens.

Weite Reisfelder praegen das Bild, welches vom kaspischen Meer im Norden und hohen, dicht bewaldeten, meist in weiss-graue Wolkenschleier gehuellten Gipfeln im Sueden umrahmt wird. Die Staedtchen am Highway sind geschaeftig und schmucklos  - auch sie erinnern in ihrer Aermlichkeit und Austauschbarkeit an Strassenstaedte  in Sued-Ost-Asien.

Der eigentliche, ueber Jahrhunderte kaum angetastete Charme und die Magie der Region sind jedoch weit abseits der tristen, hin und wieder von schrecklichen Entertainment-Parks und Resorts fuer reiche Tehranis bespickten Kueste, in der schwer zugaenglichen Berglandschaft zu finden – dort, wo seit fernen Zeiten die Uhren immer ein wenig anders ticken und Widerstand gegen die Obrigkeit eine Tugend ist. Wo schon der beruehmte Mirza Kuchek Kahn mit seinen Djangali Rebellen fuer Gerechtigkeit und Freiheit gegen das Regime der Monarchen zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts gekaempft hat. Und die Natur war im Kampf sein bester Verbuendeter.

Auf teils kaum erkennbaren, unheimlich schlammigen Pisten erklimmt man halsbrecherische Steilkurven passierend, langsam die Hoehenmeter. Die kleinen Doerfchen werden von Mal zu Mal einsamer und einfacher, doch jedes weitere uebertrifft die Austrahlung und Heimelichkeit des voherigen. Der Nebel ist nun so dicht, dass der Strassenrand aus dem Seitenfenster des fuer dieses Gelaende voellig ungeeigneten PKWs kaum noch zu erkennen ist. Vielleicht besser so, der staendige Blick auf die Abhaenge wuerde die Fahrt nicht erheitern.

Pause in einem kleinen Doerfchen. Mit Abschalten des Motors ploetzlich eine andere Welt. Das Gackern der Huehner, Plaetschern der unzaehligen Bachlaeufe, die sich ihre eigenen Wege schaffen, das ferne „maaaeeeh!“ der Schafherden und das unregelmaessige, verhallende Klimpern der Kuhglocken. Eine Gruppe stolzer, Brauner Pferde erklimmt wie aus dem Nichts kommend die steile Boeschung neben uns und verschwindet langsam wieder im Nebel. Alte Frauen in farbenfroher Tracht sitzen vor ihren Huetten, ueber ihnen die Waesche auf der Leine, die nur nasser statt nass wird.

Es geht weiter, auf dem im Volksmund als „Hell-Road“ bezeichneten Stueck des Weges, das durch zahlreiche, aufgrund des Nebels zum Glueck verborgenen Wracks zur Ehre dieses Titels gekommen ist. Wir erreichen Eskandars Dorf, das vorletzte mit „Strassen“anbindung und seit kurzer Zeit sogar Elektrizitaet. Die Huetten sind so einfach, wie auf ihre Weise wunderschoen. Abgewaschen, Waesche gewaschen und geduscht wird in einer im ersten Zimmer in den Boden eingelassenen Steinwanne. Geheizt mit einem Bullerofen im Wohnzimmer, welches auch Esszimmer und Kueche ist. Eskandars Haus ist noch eines der moderneren – trotzdem fuehrt der Weg zur Toilette zu einer kleinen Blechhuette im Garten, die in der Idylle aus Wallnussbaeumen und Beerenstraeuchern mit ihrem stechenden Duft fehl am Platze wirkt. Zum Telefonieren per Handy muss ein kleiner Gipfel innerhalb von 20 Minuten bestiegen werden und auch dann ist es mehr Rauschen als Sprechen. Pro Tag gibt es eine handvoll Wagen, Pferde und Motorraeder, die sich zur Stadt Talesh am Fusse der Berge bewegen. Das Ausmass der Isolation wird deutlich.

Ein Spaziergang im Dorf – zwei aeltere Maenner mit Schnauzer und Wollmuetze kommen vom Holzsammeln zurueck. Ihre Provinz haben sie nie verlassen, ihr Dorf nur selten. Ihr Sichtfeld ist ihre Lebenswelt, ihre Realitaet.

„Salam aleikum!“

„Aleikum salam!“

„Ihr muesst die Gaeste von Eskandar-Agha sein, von denen man spricht. Woher seid ihr?“

„Aus Mashhad und er ist aus Alman.“

„Alman?“

„Alman, ja.“

„Von so weit her? Nein, das kann nicht sein.“

Wir sprechen auf Deutsch, muessen lachen. Die Maenner schauen sich an.

„Mash’allah! Sie sprechen eine fremde Sprache – er muss wirklich Auslaender sein.“

Ueberfordert durch die Erkenntnis und schweigend stapfen sie langsam weiter bergauf.

In den naechsten Tagen geht es ohne Wege, nur mit grober Richtung ueber alle Gipfel hinweg auf einem schwer zu beschreibenen Abenteuer zu der auf der trockenen Seite der Berge gelegenen Provinz Khalkhal. Aus in Eskandars Dorf geschaetzten 8-10 Stunden werden 3 Tage. Wir verlieren uns im komplett vernebelten Urwald, erklimmen die Haenge zwischen den steinalten Baumriesen, wissen nicht weiter, laufen nach Gehoer, bis wir auf zwei Kinder mit einem vollbepackten Esel treffen, der schlitternd den Hang erklimmt. Sie bringen Nahrung in ihre am Ende des Waldes gelegende Berghuette. Die voellige Aussichtslosigkeit des Weiterlaufens auf eigene Faust erkennend, schliessen wir uns den beiden an. Wir werden von der liebevollen und so herzlichen Gastfreundschaft der Hirtenfamilien ueberwaeltigt, die hier in unheimlicher Abgeschiedenheit, der Naturgewalten ausgeliefert, leben. Zu Gast ist dort auch ein reisender Haendler, der per Pferd und unterstuetzt von seinem 13-jaehrigen Sohn Stoffe in den Bergdoerfern anbietet. Beim Abendessen in der winzigen Hirtenhuette, begreifen wir, dass wir alleine nicht weiter kommen. Ueber die Einschaetzung Khalkhal in einigen Stunden erreichen zu koennen, wird sich praechtig amuesiert. So schliessen wir uns am naechsten Morgen dem reisenden Haendler an. Der Nebel hat sich gelichtet und wir sehen, was wir vorher nicht vermuten konnten: Eine ueberwaeltigende Pracht aus Gipfeln, Waeldern, Taelern, Fluessen, verstreuten Huetten und am fernen Horizont der graue Strich des kaspischen Meeres.

Die Reise durch alpines, baumloses Gelaende mit Steigungen, die kaum toleriebar waren, ist kaum zu beschreiben. Wir begegneten einsamen Hirten mit ihren Herden, Hunden, die uns angriffen, erlebten Passagen, die fast unpassierbar waren. Drei Mal rutschte das schwerst beladene Pferd ab, zwei Mal davon fast in die Tiefe. Mit drei Leuten stuetzten wir das sich nicht mehr wehrende Tier und schoben es zurueck. Das Gruen von Talesh wich immer mehr dem Ocker von Khalkhal. Zuletzt maschierten wir in der Mittagssonne durch felsige Canyons, durch Flusslaeufe und Doerfer bis zum Hause des Haendlers, Agha-Rahmani. Unsere Hacken waren blutig, die Beine schmerzten, das Pferd am Ende aller Kraefte, doch Agha-Rahmani und sein Sohn Reza nach Abschluss der sechstaegigen Reise bei bester Laune. Voller Erinnerungen an die Abenteuer der letzten Tage waren wir, voller Traenen beim Abschied die kranke Frau Rahmani, deren Leben voll harter Arbeit ihre Knie schwer in Mitleidenschaft gezogen hatte. Die Traenen kamen ihr, als sie von Ari’s Herkunft aus Mashhad, wo der heilige Emam Reza begraben liegt, zu dem Schiiten aus aller Welt pilgern um zu beten und zu wuenschen, erfuhr. Wir versprachen ihr, bei Emam Reza um Besserung ihrer Leiden und Segen fuer ihre Familie zu bitten und hiessen ihre Familie stets im Hause von Ari’s Familie in Mashhad willkommen. Ueber unsere Fussspuren vom Hause bis hin zur Strasse vergoss sie Wasser und betete in einem fort, um unsere Schritte zu segnen und eine baldige Rueckkehr zu erwirken. Zuvor mussten wir beide im Hauseingang drei Mal unter dem Koran hergehen und diesen anschliessend Kuessen. So sollten wir im sicheren „Schatten“ von Gottes Wort unter dessen Aufsicht unser Ziel wohlbehalten erreichen.

Frauen im Nebel

Frauen im Nebel

Mit Eskandar im Nebel und Schlamm

Mit Eskandar im Nebel und Schlamm

Stolze Pferde

Stolze Pferde

Sonst nur ein Baechlein...

Sonst nur ein Baechlein...

Einsame Huetten

Einsame Huetten

Zu Gast bei den Hirten, traditionelle Kleidung extra fuer uns

Zu Gast bei den Hirten, traditionelle Kleidung extra fuer uns

Eskandars Dorf

Eskandars Dorf

Verloren in Wald und Nebel

Verloren in Wald und Nebel

Unglaublicher Morgen, freie Sicht!

Unglaublicher Morgen, freie Sicht!

Fruehstueck mit Hirten und Haendlern

Fruehstueck mit Hirten und Haendlern

Auf zu den Gipfeln!

Auf zu den Gipfeln!

Aufstieg

Aufstieg

Bis die Pflanzen spaerlich werden

Bis die Pflanzen spaerlich werden

Sturz des Pferdes, neu verzurren

Sturz des Pferdes, neu verzurren

Khalkhal in Sicht, gruen weicht ocker

Khalkhal in Sicht, gruen weicht ocker

Weit oben

Weit oben

Die Beine schmerzen

Die Beine schmerzen

Das Land wird trockener

Das Land wird trockener

Pause mit einigen Hirten und vielen Schafen

Pause mit einigen Hirten und vielen Schafen

Am Ende der Kraefte

Am Ende der Kraefte

Letzte Staerkung vor der letzten Etappe

Letzte Staerkung vor der letzten Etappe

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